Gesellschaft

Muttersein in der Ukraine: “Alleinerziehende Mutter während des Krieges zu sein, ist für mich das Schwierigste von allem”

Im Krieg wachsen vor allem Mütter über sich hinaus. Die Veteranin Hanna Vasyk berichtet von ihrem Leben als Alleinerziehende in der Ukraine.
Die Veteranin Hanna Vasyk berichtet von ihrem Leben als Alleinerziehende in der Ukraine.
Illustration: Anna Cunha

Ein Ort der Sicherheit: Hanna Vasyk erklärt, warum es für sie – trotz allem – das Beste war, in Zeiten des Ukraine-Krieges Mutter zu werden.

Heute fragte mich eine Freundin, wie es mir geht. Ich antwortete, dass es mir gut geht, auch wenn alles manchmal schrecklich erscheint. Es sind herausfordernde Zeiten, besonders angesichts dessen, was eine Mutterschaft mit sich bringt. Aber jetzt, mit 40 Jahren, fühle ich, dass ich mir alles angeeignet habe, die nötigen Werkzeuge sozusagen, um damit umzugehen. Insgesamt geht es mir also gut, und meiner Tochter auch – sie ist einfach perfekt. Sie ist jetzt zehn Monate alt.

Ich verbrachte mein ganzes Leben in Kyjiw, aber als ich schwanger wurde, zog ich in ein Dorf, etwa 30 Kilometer von der Stadt entfernt. Nicht aus Angst, sondern weil ich das Bedürfnis spürte, näher an der Natur zu sein, um mehr Ruhe und Energie zu haben. Mutter zu sein, ist eine sehr einschneidende Veränderung für mich, aber es war die richtige Entscheidung.

Der Entschluss, Mutter zu werden, kam während des Krieges

Vor dem Krieg dachte ich überhaupt nicht an Mutterschaft. Ich wollte keine Kinder und war mir auch immer sicher, dass ich kinderlos bleiben möchte, um mehr Freiheit zu haben und um mich auf meine Karriere und andere Dinge, die ich liebe, konzentrieren zu können. Doch dann ging ich zur Armee, und nach meiner Rückkehr von der Front änderte sich etwas in mir. Ich wurde plötzlich neugierig auf Mutterschaft. Mit 39 begann ich dann, meine Fruchtbarkeit prüfen zu lassen. Da wurde mir klar, dass ich eine Entscheidung treffen muss und das Thema nicht mehr aufschieben kann. Es war ein starker Wunsch, der da in mir aufkam: Ich wollte die Erfahrung des Mutterseins machen.

Ich kann nicht genau sagen, was mich dazu brachte, meine Meinung zu ändern; es war ein komplexes Gemisch, ein Prozess. Vielleicht kommt mein Perspektivwechsel auch von den Erfahrungen mit dem Tod, die ich beim Militärdienst machen musste. Auch dass wir Ukrainer:innen in so großer Zahl getötet werden, lässt mich spüren, dass ein neues Leben mein eigenes Leben auf sehr tiefgreifende Weise bereichert.

Wahrscheinlich verstehen einige Menschen jetzt nicht, wie man sich mitten in einem Krieg bewusst für Elternschaft entscheiden kann. Aber ist nicht das ganze menschliche Dasein unsicher und ungewiss? Es spielt keine Rolle, wo man ist. Klar, ich bin in keiner stabilen Lebenssituation, habe kein nennenswertes Eigentum, aber ich spüre, dass ich das Risiko eingehen muss.

Trotzdem: Als ich erfuhr, dass ich schwanger war, war mein erstes Gefühl eine seltsame Mischung aus Freude, Neugier und schierer Angst. Mein Mut reichte aus, um die Entscheidung bis zu diesem Punkt zu treffen, aber tatsächlich schwanger zu sein, war eine andere Sache. Was mich am meisten besorgte, war die Erkenntnis, dass ich meine Entscheidung nie würde ändern können; und dass ich die Freiheit verliere, wie ich sie zuvor kannte. Schwanger zu sein, fühlt sich für mich wie der einzige akzeptable Weg an, die Armee zu verlassen. Dennoch war es beängstigend, in das zivile Leben zurückzukehren, weil es Fragen zu meiner zukünftigen Identität und Persönlichkeit aufbrachte. Es war also ein bedeutender Schritt für mich, auf mehreren Ebenen.

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Warum ich während des Krieges in mein Heimatland Ukraine zurückkehrte

Ich war nicht in der Ukraine, als der Krieg begann. Ich reiste damals durch Afrika und lebte danach eine Zeit lang in Berlin. Aber ich fühlte mich nicht wohl damit, alles aus der Ferne zu beobachten. Schließlich erkrankte ich an einer Depression, wahrscheinlich weil ich nicht das Gefühl hatte, genug zu tun, um zu helfen, und so beschloss ich, in die Ukraine zurückzukehren, um aktiv zu unterstützen. Hier bin ich glücklich. Es war mir wirklich wichtig, wieder mit meinem Land verbunden zu sein und das Gefühl zu haben, dass ich helfe. Ich glaube, für Menschen ist es entscheidend, sich nützlich zu machen und zu merken, dass man etwas zum gemeinsamen Ziel beiträgt, dass man seinem Land, seinem Volk, seiner Gesellschaft hilft. Daher dachte ich auch nie daran, die Ukraine wieder zu verlassen, selbst nicht, nachdem ich Mutter geworden bin.

Natürlich spiegelt meine persönliche Erfahrung nicht die Allgemeinheit wider: Ich habe einen Abschluss in Philosophie und hatte mich bereits aus dieser Perspektive heraus mit der Angst vor dem Tod beschäftigt, noch bevor ich die Entscheidung traf, an der Front zu arbeiten. Ich kann sagen, dass der Krieg alles intensiviert. Die Unsicherheit bezüglich möglicher Lebenspläne – Arbeit, Familie, Beziehungen – wird noch ausgeprägter. Krieg nimmt die Illusion der Gewissheit weg und zwingt dich, im Moment präsent zu sein. Viele denken vielleicht, es wäre besser, auf stabilere Zeiten zu warten, um Kinder zu bekommen. Doch die Realität ist, dass diese Zeiten vielleicht nie kommen. Dieses Bewusstsein kann sowohl herausfordernd als auch bereichernd sein.

In ständiger Bedrohung zu leben, hilft, alles Unnötige auszublenden. Es ermöglicht, sich auf das zu konzentrieren, was wirklich essenziell ist. Alles in meinem Leben ist jetzt viel präziser. Ich verstehe, dass die Zeit begrenzt ist. Das zwingt mich regelrecht dazu, gnadenlos ehrlich zu mir selbst zu sein, was wichtig ist.

Die Ungewissheit und die Angst zeigen uns, dass es Entscheidendes zu erledigen gibt, und es ist besser, das nicht aufzuschieben. Der Krieg machte mich also klarer und ehrlicher. Diese Ehrlichkeit gegenüber mir selbst gibt mir Kraft.

Für die Mutterschaft bedeutet das dementsprechend: Es kristallisiert alle Aufgaben. Für jede Mutter, überall auf der Welt, ist es wichtig, sich gut um sich selbst zu kümmern, denn das Kind
nimmt alles auf, saugt sowohl positive als auch negative Ausdrucksformen auf und spiegelt sie wider. Aber in einem Kriegsgebiet und in Zeiten von Krieg ist eine Mutter noch mehr Belastungen
ausgesetzt, durch Nachrichten, durch Raketenangriffe, durch Schmerz und durch Trauer. Aber du hast nicht viel Zeit, um darin stecken zu bleiben. Dein Baby schaut dir nicht nur zu, sondern fühlt dich auch. Daher ist Selbstfürsorge für Mütter immer, aber im Kriegsgebiet besonders wichtig.

Generell hängen im Krieg deine Chancen, nicht nur zu überleben, sondern damit zurechtzukommen und vielleicht sogar auch zu wachsen, von der Fähigkeit ab, dich anzupassen. Das ist das, was wirklich essenziell war an der Front, und es ist für alle während des Krieges wichtig, egal ob Zivilist:in oder Soldat:in. Du kannst auf nichts vorbereitet sein, also ist es nötig, flexibel, aufgeschlossen, präsent im aktuellen Moment und mit dir selbst, mit deinen Lieben und deiner Intuition verbunden zu sein – und nicht an Illusionen kleben zu bleiben.

Wenn ich an meine Tochter denke, wird mir klar, dass ich die Realität, in der wir leben, erklären muss. Ich möchte ehrlich zu ihr sein und zu gegebener Zeit angemessene Worte finden, die ihrem Alter entsprechen. Ich war im Krieg, ihr Vater dient immer noch. Es ist unmöglich, den Elefanten im Raum zu verstecken, und ich möchte es auch nicht.

Sicherheit nicht in einem Land, sondern in den Eltern, in Menschen finden

Es ist die Aufgabe von Eltern, ein sicherer Ort für die Kinder zu sein. Es spielt keine Rolle, wo du bist, ob Krieg ist oder nicht. Du kannst im sichersten Land der Welt leben, aber es gibt viele Gründe, warum sich dein Kind trotzdem nicht sicher fühlen könnte. Für mich geht es deswegen weniger nur um den Ort, sondern eher um das Gefühl, das Eltern ihren Kindern geben. Es ist entscheidend, ihnen bewusst zu machen, dass wir keine Opfer sind; vielmehr sind wir Teil eines größeren globalen Prozesses, und unser Land kämpft auf sehr beeindruckende Weise um seine Identität. Das einem Kind zu erklären, wird eine Herausforderung, aber es ist für mich notwendig.

Nach der Geburt unserer Tochter hatten ihr Vater und ich Schwierigkeiten in der Kommunikation, und wir erziehen nun in Co­-Elternschaft, weil wir uns bald nach der Geburt trennten. Ich übernehme die Rolle einer alleinerziehenden Mutter, was mir etwas Angst macht, aber ich lerne, Freude in diesen herausfordernden Zeiten zu empfinden. Manchmal fühle ich mich sehr allein, auch wenn ich weiß, dass ich es nicht bin. Ich bin dankbar für all die Unterstützung, die ich erhalte und die mich in schwierigen Zeiten an meine eigene Stärke erinnert. Dennoch ist das Alleinsein etwas, das mich tief treffen kann, und es gibt den Wunsch, umarmt zu werden und die echte physische Präsenz eines anderen Menschen zu erfahren. Ich lerne gerade, dieses Gefühl nicht zu bekämpfen, sondern es zu fühlen und zu weinen, zu atmen, zu meditieren.

Es ist bisher die härteste Zeit meines Lebens, sogar herausfordernder als meine Erfahrungen an der Front. Ich glaube, dass die Mutterschaft Frauen auf einzigartige Weise stärkt. Natürlich werde ich mit sehr realen und praktischen Problemen herausgefordert, wie diesen Winter mit minus 27 Grad. Wegen Bombardierungen waren wir drei Tage am Stück ohne Strom. In solchen Phasen möchte ich einfach nur dasitzen und weinen und umsorgt werden. Mutter zu sein, kann hart sein, Muttersein während des Krieges ist noch schwieriger, und alleinerziehende Mutter während des Krieges zu sein, ist für mich das Schwierigste von allem. Und trotzdem ist es das Beste, was mir passieren konnte. Ich meine damit sowohl das Kind selbst als auch meine Transformation. Ich fühle, dass mich meine Mutterrolle letztendlich stärker macht.

Wenn ich an die Zukunft denke, freue ich mich über alles, was bevorsteht. Ich möchte gern noch mehr Kinder haben, weil ich die Erfahrung der Mutterschaft sehr wertschätze. Ich bin neugierig, wie ich das schaffen kann, während des Krieges und während ich an meinem Berufsleben und persönlichen Wachstum arbeite.

Die Herausforderungen sind natürlich unbestreitbar, aber ich bleibe optimistisch. Ich hoffe, andere dazu zu inspirieren, ihre eigenen Umstände durch eine Linse der Stärke und Akzeptanz zu betrachten, und sie daran zu erinnern, dass sie in ihren Kämpfen niemals allein sind.

Ich habe viele Pläne und Visionen, ich lasse mir Raum zum Träumen. Das ist hilfreich, aber natürlich bin ich realistisch genug, um zu wissen, dass es möglicherweise nicht funktioniert.
Trotzdem gibt das Träumen mir diese Energie, um Dinge anzugehen. Zu träumen hält gesund.

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