Gesellschaft

Warum es mehr Frauen in der Politik braucht – und alle Frauen verlieren, wenn rechte Parteien gewinnen

Die Hälfte der Bevölkerung, aber nur ein Drittel im Parlament. Das Grundgesetz garantiert Gleichberechtigung für Frauen seit 1949. Die Realität im Bundestag hält das 2026 immer noch nicht ein. Was verloren geht, wenn Frauen in der Politik fehlen – mit Stimmen aus dem aktuellen Parlament.
Frauen in der Politik
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Frauen in der Politik oder der lange Weg zur Hälfte: Der Frauenanteil im Bundestag ist auf einem Tiefstand. Warum das ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.

Wir schreiben das Jahr 1949: 65 stimmberechtigte Abgeordnete legen in Bonn das Grundgesetz vor. 61 Männer, vier Frauen. Es sind diese vier, die dafür sorgen, dass ein Satz ins Grundgesetz kommt, den ihre Kollegen so eigentlich gar nicht wollten: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Die Rede ist von Art. 3, Abs. 2 im Grundgesetz. Elisabeth Selbert von der SPD erkämpfte ihn nach öffentlichem Druck. 1993 wurde der Artikel im Zuge der Wiedervereinigung ergänzt: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Und die Realität? Sieht
schlecht aus! Von einer konsequenten Gleichberechtigung ist Deutschland 77 Jahre später noch radikal entfernt. Die Bundesrepublik hat ein Repräsentationsproblem. Der Frauenanteil im Bundestag liegt Stand 2026 bei 32,4 Prozent – das ist der zweitniedrigste Stand seit über zehn Jahren. Bedeutet: Zwei Drittel der Abgeordneten im Bundestag sind männlich. Übrigens lag der maximale Frauenanteil in der Geschichte der Bundesrepublik auch nur bei 37,3 Prozent. Parität? Fehlanzeige.

Der Frauenanteil im Bundestag ist auf einem Tiefstand. Und: Wenn rechte Parteien gewinnen, verlieren Frauen

Im weltweiten Ranking nationaler Parlamente belegt Deutschland Platz 60. Bei Zahlen bleibt es nicht. Im Kabinett Merz sind alle Schlüsselministerien – Innen, Außen, Verteidigung, Finanzen – mit Männern besetzt. Der Deutsche Frauenrat kritisierte das bereits und fordert, dass die im Koalitionsvertrag verankerten Gleichstellungsvorhaben umgesetzt und ausreichend finanziert werden. Nyke Sławik von Bündnis 90/Die Grünen bringt es auf den Punkt: „Es gab noch nie eine Frau als Bundespräsidentin. Merkel als Kanzlerin und Baerbock als Außenministerin waren jeweils die ersten Frauen in diesen Ämtern. Wir haben gerade erst angefangen.“

Ob man als Frau überhaupt eine Rolle spielt, hängt auch von der Partei ab. SPD, Grüne und Linke haben verbindliche Quoten und entsprechend mehr Frauen in ihren Reihen. Die Union kommt auf 23,1 Prozent in ihrer Fraktion und hat damit den geringsten Anteil aller demokratischen Parteien. Die AfD liegt bei rund zwölf Prozent und lehnt Gleichstellungspolitik sowieso grundsätzlich ab. Equal Pay, Vereinbarkeit, Frauenförderung: Das alles ist im rechten Kosmos schlicht nicht vorgesehen. Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn rechte Parteien gewinnen, verlieren Frauen. Das ist auch die Konsequenz der erschreckenden aktuellen Prognosen. SPD-Abgeordnete Carmen Wegge fasst das strukturelle Problem zusammen: „Wer nicht am Tisch sitzt, dessen Realität fehlt im Ergebnis. Gesetze gestalten das Leben aller Menschen, deshalb dürfen sie nicht nur Männer verhandeln.“

Mangelnde Repräsentation ist kein Frauenthema. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Auch für die, die nach uns kommen. Wer will schon Kinder kriegen, wenn der Alltag als Frau an die Substanz geht: unbezahlte Care-Arbeit, schlechte Bezahlung, unzureichende medizinische Versorgung. Gesetze entstehen aus Erfahrungen und aus Priorisierungen. Wenn weibliche Stimmen beteiligt sind, sieht man das an den Ergebnissen. Ein Beispiel: Am 30. Januar 2025 verabschiedete der Bundestag einstimmig gestaffelte Mutterschutzfristen nach Fehlgeburten ab der 13. Schwangerschaftswoche. Einen solchen Schutz gab es vorher nicht. Wer sein Kind vor der 24. Woche verlor, hatte keinen gesetzlichen Anspruch auf Trauer und Erholung und musste sofort wieder arbeiten. Eine freie Autorin namens Natascha Sagorski hatte genau das erlebt und reichte eine Petition ein. Sie sammelte Unterschriften, machte das Thema öffentlich und brachte es bis in den Petitionsausschuss. Von dort in die Fraktionen. Von den Fraktionen ins Plenum. Am Ende stimmte das gesamte Parlament zu – ohne eine Gegenstimme. CDU-Abgeordnete Silvia Breher,
die das Gesetz mit vorantrieb, sagt: „Der gestaffelte Mutterschutz nach Fehlgeburten wurde gemeinsam von aktiven Frauenpolitikerinnen getragen. Das war Frauensolidarität.“ Das zeigt sich nicht nur bei existenziellen Themen. Carmen Wegge beschreibt es an einem anderen Beispiel: „Bei der Debatte zur ‚Lifestyle­-Teilzeit‘ wurde klar, dass nicht gesehen wurde, wer eigentlich die unsichtbare Infrastruktur unserer Gesellschaft am Laufen hält. Manchmal merke ich in Diskussionen, dass die Leute denken, sie würden über ein abstraktes volkswirtschaftliches Problem reden. Aber sie reden nicht über die Frau, die seit Jahren ihren Job reduziert hat, weil
irgendjemand die Kinder abholen muss.“

Mangelnde Repräsentation ist ein gesellschaftliches Problem

Die Soziologin Jutta Allmendinger brachte es in ihrer Kolumne für den „Berliner Tagesspiegel“ bereits 2024 auf den Punkt: „Die geringe Repräsentanz von Frauen in der Politik führt zu weniger erfolgreichen Gesetzen zum Wohle der Frauen. Dies lässt sich kausal zeigen an der Rechtsprechung zu Abtreibung, Gewalt gegen Frauen, Entgelttransparenz oder Regelungen zur Pflege.“ Und Rita Süssmuth, CDU-­Politikerin und Bundestagspräsidentin von 1988 bis 1998, verstorben 2026, übersetzte es allgemeingültig: „Wer an den Tischen sitzt, entscheidet,
welche Themen Priorität haben. Ohne Parität gibt es keine gleichberechtigte Politik und Gesetzgebung.“ Cansın Köktürk von der Linken geht noch weiter: „Feminismus muss endlich als soziale Frage verstanden werden. Diskriminierende patriarchale Strukturen finden ihren Ausdruck im Gender-Pay-Gap, Pension­-Gap, Health­-Gap und Care-­Gap. Wir sprechen von einem strukturellen Problem.“ Silvia Breher wiederum sieht das Problem auch in der Art, wie Politik gedacht wird: „Wir betrachten Familienpolitik immer noch aus Frauensicht und nicht aus Familiensicht. Viel zu sehr wird nur darüber diskutiert, wie Frauen die Vereinbarkeit lösen, anstatt Eltern gemeinsam in die Verantwortung zu nehmen.“

Die aktuelle Legislaturperiode hat einige Baustellen geerbt und neue aufgerissen. Das Gewalthilfegesetz trat im Februar 2025 in Kraft. Erstmals gibt es einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für gewaltbetroffene Frauen. Der Haken: Der Rechtsanspruch wird erst 2032 einklagbar. Es fehlen 12 000 Frauenhausplätze. Frauenhauskoordinierung e. V. kritisierte das Gesetz kürzlich: „Was sich gut liest, ist längst nicht umgesetzt.“ Der Paragraf 218 steht immer noch, obwohl eine Expert:innenkommission die Legalisierung empfahl und 328 Abgeordnete einen Gruppenantrag stellten. Union und FDP verhinderten jedoch die Abstimmung. Solange er steht, suchen Frauen oft vergeblich gynäkologische Praxen, die den Eingriff vornehmen. Entgelttransparenz, Deep-Fake-Schutz, Elterngeld­-Erhöhung: versprochen, angekündigt, geprüft – bis Politikerinnen erneut Druck machen. Carmen Wegge zieht Bilanz: „Das größte Versäumnis ist, dass über Gleichstellung vor allem immer geredet wurde und zu wenig passiert ist. Gleiche Bezahlung, paritätische Besetzung, struktureller Schutz vor Gewalt sind keine Wohlfühlthemen. Das sind Fragen der Rechtsstaatlichkeit.“ Lisa Paus, von 2022 bis 2025 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, kennt diese Dynamik aus eigener Erfahrung: „Es gibt die Debatte um das Paritätsgesetz, aber kein Gesetz. Es gibt einen etablierten Equal Pay Day, aber kein Equal Pay. Es gibt eine breite Unterstützung in der Bevölkerung für die Abschaffung von Paragraf 218, aber keine Mehrheit im Parlament. Wir reden seit Jahrzehnten. Das reicht aber nicht. Es braucht Mehrheiten.“ Rasha Nasr (SPD) ergänzt: „Die Debatte um Paragraf 218 zeigt das sehr deutlich: Obwohl es gesellschaftlich längst eine Mehrheit für mehr Selbstbestimmung von Frauen gibt, fehlt oft der politische Wille, diese Realität auch umzusetzen.“

Was derzeit besonders drängt, ist der Umgang mit digitaler Gewalt und Deepfakes. „Gerade Frauen, insbesondere junge Frauen oder Frauen mit Migrationsgeschichte, die in der Öffentlichkeit
stehen, erleben online massive Anfeindungen“, sagt Nasr. Und die Liste an offenen Gesetzen ist lang. Doch dass es überhaupt Politikerinnen im Parlament gibt, grenzt angesichts der Bedingungen an ein Wunder: Sitzungswochen kennen keinen Feierabend, das Wochenende gehört dem Wahlkreis, das Abendessen der Netzwerkveranstaltung. Für alle, die Care-Verantwortung tragen, also meist die Frauen, ist dieses Engagement eine Herausforderung. Wer sich davon nicht abschrecken lässt und trotzdem in die Partei geht, stößt dort auf sexuelle Belästigung und Sexismus. 40 Prozent der befragten Politikerinnen gaben an, im politischen Umfeld sexuell
belästigt worden zu sein. Bei den unter 45-Jährigen sind es 60 Prozent, auf Bundesebene 55 Prozent. Das Spektrum reicht von subtilen bis hin zu direkten Formen der Abwertung. Politikerinnen berichten außerdem, dass ihnen beim Einstieg häufig andere Frauen gefehlt haben. Die Situation in Orts- und Kreisverbänden ist oft „männerlastig“. 50 Prozent der Frauen auf Bundesebene geben an, dass sie harte Auseinandersetzungen sehr belasten. Nyke Sławik kennt das: „Ich saß auf so vielen Podiumsdiskussionen, stand auf Bühnen oder war Teil von Reisedelegationen, wo sonst nur Männer waren. Ich will das nicht als Normalität akzeptieren. Das ist ein Systemversagen der Politik. Ich weiß nicht, ob ich meine Position in einer männerdominierten Partei geschafft hätte.“

Familiäre Unvereinbarkeit und Sexismus am Arbeitsplatz: Die Realität von Politikerinnen

Doch wer parteiinterne Hürden erst mal überstanden hat, trifft im Netz auf die nächste Runde: 63 Prozent der politisch engagierten Frauen sind von digitaler Gewalt betroffen (gegenüber 53 Prozent der Männer). Fast ein Viertel der betroffenen Frauen hat Vergewaltigungsdrohungen
erhalten. Bei Männern sind es drei Prozent. Silvia Breher beschreibt, wie das in der Praxis aussieht: „Hasskommentare treffen viele, aber Frauen deutlich stärker. Schnell auf sexualisierter Basis – und beurteilt werden Frauen als Erstes nach ihrem Äußeren, nach ihrer Kleidung und erst dann nach dem, was sie können.“ Nyke Sławik erlebt das täglich: „Ich sehe es bei mir in den
Kommentaren: Mein Make-­up und meine Piercings werden kritisiert. Manchmal kommt noch eine Prise Transfeindlichkeit hinzu. Das ist verletzend, weil es bei Politikerinnen schneller auf die persönliche Ebene geht und die Inhalte in den Hintergrund rücken.“

Mehr als die Hälfte der betroffenen Frauen hat ihr Verhalten daraufhin geändert – von eingeschränkter Kommunikation bis hin zum Rückzug aus dem politischen Engagement.
Und dann ist da noch das, was man das Double-Bind-Dilemma nennt: Zeigen Politikerinnen Härte, gelten sie als kalt. Zeigen sie Empathie, gelten sie als zu emotional. Es gibt kein richtiges Verhalten. Rasha Nasr dazu: „Frauen erleben oft persönlichere, emotionalere und grenzüberschreitendere Formen von Kritik. Oft handelt es sich um misogyn motivierte Angriffe. Frauen werden auch deutlich häufiger Opfer von sexualisierten Gewaltfantasien oder Drohungen. Dahinter steckt oft auch der Versuch, Frauen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.“

Die Forschung zeigt, wie sich Länder entwickeln, wenn Frauen entscheiden. Eine Studie der Universitäten in Reading und Liverpool kam zu folgendem Ergebnis: Länder mit Frauen an der Spitze verhängten zur Pandemie früher Lockdowns, kommunizierten klarer und empathischer, und so verzeichneten diese Länder niedrigere Todesfallzahlen. Wie mehr Frauen in die Politik finden, macht vor allem das nördliche Europa mit Island, Schweden, Finnland vor. Aber auch Spanien. Dort liegt der Frauenanteil zwischen 44 und 49 Prozent. Nicht weil die Frauen dort widerstandsfähiger oder die Männer zurückhaltender wären. Sondern weil die Strukturen stimmen, etwa flächendeckende Kinderbetreuung oder Väterquoten beim Elterngeld.
Parteiinterne Quoten und verabschiedete Paritätsgesetze. Das Ergebnis: weniger Lohnlücke, besserer Gewaltschutz, mehr Frauen in Führungspositionen. Ohne die Quote wird es in Deutschland nicht gehen. Lisa Paus, die das System seit mehr als 25 Jahren kennt, sagt: „Das System ist nicht durchlässiger geworden. Jedoch haben Frauen gelernt, Netzwerke aufzubauen. Auch das Selbstbewusstsein und damit die Kampfbereitschaft, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen, etwa Mansplaining.“

Doch es sind nicht nur die Politikerinnen mit Mandat. Frauen organisieren das Leben. Und nebenbei den Widerstand. Sie treffen sich zu Demos, unterschreiben Petitionen, gründen Vereine und Initiativen. Der Satz von Elisabeth Selbert steht. Die Umsetzung ist immer noch: Work in Progress. Seit 77 Jahren.

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