Horror Vacui: Das Label der Münchner Designerin Anna Heinrichs verbindet Maximalismus und meisterhaftes Handwerk.
Obwohl auch der Maximalismus wieder Einzug in die Mode hält, wird vielerorts auch allzu gern noch die stilistische Lautstärke heruntergefahren. "Recession Core", "Quiet Luxury" – Mode, die sich als beruhigender Gegenentwurf zu globaler Unsicherheit versteht, steht hoch im Kurs. Statt Experimenten: Investitionen in graue Kaschmirpullover. Statt modischem Eskapismus: vernünftige Zurückhaltung. Eine Ästhetik, die das Risiko meidet, und eine Phase, die für unabhängige Designer:innen ohne finanzstarke Investor:innen oder lukrative Mega-Retail-Kooperationen zur Belastungsprobe wird.
Und dann gibt es Horror Vacui. Die Münchner Marke von Anna Heinrichs behauptet sich seit über einem Jahrzehnt als radikale Gegenposition zu dieser minimalistischen Vernunft. Statt Reduktion: Maximalismus als Haltung. Statt Uniformität: ornamentale Detailversessenheit. Ihre Signaturen lassen sich nicht übersehen: Bubikragen mit Muschelsaum; Puffärmel mit Schleifenbindung; vier unterschiedliche Mikroprints, die in einer einzigen Bluse orchestriert werden; hochgeschlossene Maxikleider, deren florale Märchenwelten erst beim zweiten Blick die handwerkliche Komplexität preisgeben – vom fein gesetzten Waffle-Smocking bis zu mikropr��zisen Plissee-Faltungen. Jede:r, die:der sich schon einmal mit deutscher Mode beschäftigt hat, ist sicher einmal über die bunten Farbwelten, poetischen Prints und verspielten Formen der Münchnerin gestolpert. Seit 2014 bereits trägt Heinrichs dazu bei, den zuweilen etwas reduziert anmutenden, hiesigen Modemarkt mit bunter Extravaganz zu verzieren – als wäre er ein Malbuch, das danach dürstet, endlich mit Farbe gefüllt zu werden. Das ist nämlich ganz im Sinne ihres lateinischen Markennamens: die Angst vor dem leeren Raum.
Horror Vacui: Alles begann mit luxuriösen Pyjamas
Dabei war Heinrichs Weg zunächst auf etwas ganz anderes ausgerichtet. Anstatt Mode zu studieren, wählte sie Jura – Regensburg, später Mailand. Dort, sagt sie, sei ihre Faszination für Design zum ersten Mal richtig aufgeblüht. Nicht im Seminarraum, sondern mittendrin in einer Stadt, die Mode atmet. Wie es der Zufall wollte, gründete ihre Mutter nach ihrem Studium eine kleine Näherei in der Ukraine, spezialisiert auf traditionelle bayerische Janker und Loden-Capes. Gemeinsam mit ihr und den Näherinnen entwarf sie erste Pyjama-Modelle, zunächst für sich selbst, dann für Freund:innen.
Die präzise Handwerkskunst, die in ein einzelnes Kleidungsstück fließen kann, faszinierte sie. Bald sprach sich der außergewöhnliche Pyjama herum – und Heinrichs traf eine Entscheidung: all in. Sie kündigte ihren Kanzleijob und bewarb sich mit ihren Modellen auf einer Messe in Paris. Denn wie ihre heutigen Runway-Kollektionen waren auch ihre ersten Pyjamas ein Commitment zu maximaler Qualität. Die hochwertigste Version eines vermeintlich einfachen Kleidungsstücks: gefertigt aus farbstarken, ornamentverliebten Liberty-Stoffen und versehen mit akribisch ausgeführten Details, die auch ihr Bekenntnis zu Handwerk sichtbar machten – handgenähte Knopflöcher oder ein zusätzlicher Knopf auf der Rückseite des Revers. Ein Detail, das niemand braucht, aber genau deshalb ihre Einstellung erklärt.
"Für mich hat der Pyjama Symbolkraft: Er existiert seit jeher und wird wohl immer bestehen. Als erstes Piece war er für mich der ideale Ausgangspunkt, um meine eigene Designsprache zu entwickeln. Mich interessiert, wie etwas gemacht ist – Sorgfalt, Qualität, Details. Selbst beim schlichtesten Teil möchte ich maximale Hingabe zeigen, mit Materialien und Verarbeitungen, die heute kaum noch genutzt werden. Darüber habe ich meinen Stil gefunden." Bereits im Gründungsjahr präsentierte Heinrichs ihre Hausmode im VOGUE Salon der Berliner Fashion Week. Christiane Arp, die damalige Chefredakteurin, sah in ihr ein außergewöhnliches Talent und ermutigte sie, das Sortiment auszubauen. Und der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt.
Maximalismus befreit und Minimalismus sorgt für Anpassung?
Maximalismus, das merkt man schnell, ist für Heinrichs keine bloße Stilfrage, sondern eine Haltung. Nicht Lautstärke um der Lautstärke willen, sondern ein Bekenntnis zur Vielschichtigkeit "Ich bin nicht gegen Minimalismus", sagt sie. "Das kann wunderschön sein und eine sehr schöne Sprache sprechen. Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass Reduktion für mich oft auch ein bisschen nach Anpassung klingt. Und das liegt mir einfach nicht." Auch ein Plädoyer für Komplexität ist der Maximalismus für sie: dafür, dass Dinge widersprüchlich sein dürfen – und nicht glattgebügelt sein müssen.
"Ich mag es, wenn man zulässt, dass etwas vielschichtig ist. Wie im echten Leben“, sagt sie. „Das spiegelt den Menschen viel ehrlicher wider, weil wir alle unterschiedliche Facetten haben.“ Ihre Entwürfe funktionieren dabei wie ein Werkzeug, das Menschen ermöglicht, sich zu zeigen: „Ich finde es schön, Menschen etwas an die Hand zu geben, das etwas über sie aussagt. Kleidung kommuniziert enorm viel über uns, bevor wir überhaupt sprechen. Vielleicht möchte jemand die Wertschätzung für Handwerk ausdrücken, Zartheit, Feinfühligkeit, eine poetische Seite oder dass man bei traurigen Filmen schnell weint. Wenn man all das sichtbar machen möchte, ist es schön, wenn es Kleidung gibt, die dabei unterstützt. Man zieht sie an – und sie spricht für einen. Diese Sprache zu gestalten – das ist für mich das Schönste."
Dass dieser "Mehr ist mehr"-Ansatz funktioniert, hat viel mit Konsequenz zu tun. Seit der Gründung 2014 hat Heinrichs die Codes von Horror Vacui nie verwässert: Der opulente Einsatz von Print, das Spiel mit Volumen, die romantischen, fast kindlich anmutenden Elemente – all das taucht immer wieder auf, aber in neuen Konstellationen. Kund:innen wissen, was sie bekommen, wenn sie in ein Stück von Horror Vacui investieren: keine Trend-Silhouette, die in zwei Jahren alt wirkt, sondern eine wiedererkennbare Handschrift, die sich so behutsam weiterentwickelt, dass auch ältere Teile nie last season wirken werden. So zum Beispiel bei den "Leilani"-Röcken mit den langen Bändern, die zuletzt für eine unerwartete neue Sexyness in der Kollektion sorgten, oder Jacken mit applizierten Patchwork-Staffordshire-Dogs: Überraschungen, ja – aber immer eindeutig Horror Vacui. "Bei Horror Vacui geht es auch nicht um Konjunktur", bestätigt die Gründerin.
Erfolg ohne Kompromisse – Qualität und Handwerkskunst als Kernidentität
Diese Stringenz ist nicht nur ästhetisch, sondern strukturell. Heinrichs hat das Label lange bewusst ohne Investor:innen geführt. "Ich wollte einfach keine Kompromisse eingehen müssen", sagt sie. Kein Wachstum um jeden Preis, keine Margendiskussion auf Kosten des Handwerks. Mittlerweile sieht sie Beteiligungen differenzierter – sofern Werte, Qualität und Langfristigkeit stimmen. Spannend wäre für sie vor allem eine Partnerschaft, durch die eine eigene Horror-Vacui-Kinderkollektion oder der Weg ins Interior geebnet werden würde. Man kann sich beides nur zu gut vorstellen. "Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, nie beim Handwerk Abstriche zu machen", sagt sie. "Das ist das A und O, das ist die Kernidentität." Produziert wird inhouse, immer noch im eigenen Atelier in der Ukraine.
"Die meisten Brands machen eine Kollektion und suchen sich dann eine Produktion, die für sie näht. Bei uns ist es anders: Jeder Prototyp wird von derselben Person gemacht, die später auch die Teile näht. Wir haben unsere eigenen Leute, die das alles wissen und können – und genau deshalb können wir diese Qualität halten." Dass das funktioniert, spürt sie oft über Umwege: Einkäufer:innen, die im Showroom in Paris bestellen und später überrascht anrufen, weil die gelieferte Qualität höher ist, als sie aus anderen Produktionen gewohnt sind. Gerade von hochrangigen, international erfahrenen Buyer:innen dieses Lob zu bekommen, ist für ein unabhängiges deutsches Label bemerkenswert.
"Viele Marken kommen wegen unserer Qualität auf uns zu", berichtet Heinrichs, denn inzwischen produziert das Atelier auch für andere Labels – etwa Bomberjacken für Mugler oder Teile für Lemaire. Auf dieser Fertigungsbasis entwickelt Horror Vacui jedoch eine sehr spezifische Handschrift: Muschelkanten, Waben-Smokings, Froschgoscherl, aufwendige, handgemachte Patchworks (nicht die industriell gedruckten), Sterne, Schiffe – kleine Stoffgeschichten, die an die Tradition des Quiltings erinnern, die in so vielen Kulturen der Welt wiederzufinden sind. Sie verweisen auf Fragen, die Heinrichs wichtig sind: Was von unserer kulturellen Identität wollen wir bewahren, und was weitergeben?
Kindheit als Inspirationsquelle
Unser aller Anfang – die Kindheit – spielt dabei eine größere Rolle, als man auf den ersten Blick vermutet; nicht nostalgisch, sondern emotional. "Bei Kindern ist alles maximal", sagt sie. "Freude, Frust, Begeisterung – alles ist unverstellt oder gar reguliert. Diese Direktheit mag ich." Deshalb dürfe die Mode auch naiv sein und müsse nicht abgebrüht oder gar cool sein, wie sie sagt. "Wenn es Freude macht, muss man sie nicht filtern – dann darf es auch der rote Herz-Print sein." Nostalgie lehnt sie hingegen ab. "Es geht gar nicht um Vergangenheit", betont sie, als das Stichwort fällt. "Mich interessiert vielmehr, welche Werte unseres kulturellen Erbes wir in die Zukunft mitnehmen möchten – und in welcher Form. Quilting und Patchwork stehen für mich sinnbildlich dafür: Man wird immer wieder mit der Frage konfrontiert, was man von der eigenen kulturellen Identität bewahren und was man an künftige Generationen weitergeben möchte. Und das berührt mich sehr." Bloßes Zitieren historischer Techniken oder Silhouetten hält sie für redundant. Interessant werden sie erst, wenn sie in eine eigene Sprache übersetzt werden. "Es muss immer eine eigene Aussage bleiben – und die kann nur aus dem Heute kommen",sagt Heinrichs.
Diese prominenten Maximalist:innen sind Horror-Vacui-Fans
Sichtbarer geworden ist Horror Vacui in den vergangenen Jahren nicht durch große Kampagnen oder Marketing-Stunts, sondern durch einzelne Kleidungsstücke, die sich verselbstständigt haben – vermutlich auch, weil ihr Wiedererkennungswert so hoch ist. Wenn Sarah Andelman, die Gründerin des legendären ehemaligen Concept Stores Colette, ein Kleid privat trägt, und Marc Jacobs sie fotografiert und postet. Wenn Lou Doillon mit Blumentöpfen auf dem Kopf in einer Horror-Vacui-Bluse auf Instagram auftaucht. Oder wenn Sarah Paulson gleich mehrere Kleider kauft und sie einfach im Alltag liebt und trägt. "Solche Dinge kann man nicht planen", sagt Heinrichs.
"Wir arbeiten natürlich auch mit Stylist:innen für Red Carpets. Aber mich berührt es fast mehr, wenn ich sehe, dass Frauen die Sachen privat tragen." Was sie sich wünscht, wenn jemand Horror Vacui anzieht? Die Antwort ist unspektakulär – und gerade deshalb so ungefiltert: "Viele schreiben mir, dass sie sich sehr, sehr schön fühlen in den Kleidern. Das klingt simpel, aber es berührt mich. Mode wirktoft so überflüssig, so ‚wer braucht das schon‘. Aber wenn jemand sich gesehen und so fühlt, wie er oder sie sein möchte – dann ergibt sie Sinn." In einer Zeit, in der ökonomische Vorsicht als Stil verkauft wird, wirkt Horror Vacui wie ein Störgeräusch – aber ein produktives. "Man zieht etwas an, und es spricht für einen", sagt Heinrichs. Und was es sagt, ist selten leise.
Dieser Text ist Teil der VOGUE-Ausgabe für Januar und Februar 2026. Sie ist ab Samstag, dem 20. Dezember, im Handel erhältlich. Hier können Sie sie bestellen – auch im vergünstigten Miniabo!
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