Sia Arnika begeistert mit ihrer Mode weltweit – ob Charli xcx, Tyla oder Kylie Jenner
Es ist ein schönes Gedankenspiel, sich vorzustellen, was aus ihren Briefen wohl geworden ist. Den kleinen Zetteln, von Kinderhand beschrieben, sorgsam zusammengerollt, in grünes Glas gesteckt und zugekorkt – Briefe an unbekannte Empfänger:innen. "Ich habe früher oft Flaschenpost verschickt", sagt Sia Arnika mit ihrer beeindruckend tiefen Stimme, "habe immer wieder welche ins Meer geworfen auf der Suche nach jemandem, der mir von der weiten Welt erzählt."
Die Designerin ist auf Mors aufgewachsen, einer Insel in Dänemarks Norden, geprägt von der Fischerei, dem Geschäft mit Schalentieren, von sanften Hügeln und grauen Steilküsten, die sich beharrlich gegen das salzige Wasser des eher flachen Limfjords stemmen. "Als Kind war ich immer neugierig, was wohl auf der anderen Seite ist", sagt sie.
In Berlin angekommen: Designerin Sia Arnika
Viele Jahre später ist Sia Arnika selbst dort angekommen – auf der anderen Seite, gefühlt viel weiter weg von der isolierten Insel als geografisch. Seit mehr als zehn Jahren lebt sie in Berlin, macht dort Mode unter eigenem Namen. Ihre Marke gründete Sia Arnika vor fast fünf Jahren, nachdem sie einige Zeit für das international erfolgreiche Berliner Label Ottolinger, außerdem für größere Marken in Dänemark gearbeitet hatte. Nun also treffen wir sie in ihren eigenen Arbeitsräumen.
Die knarzende Tür zum großzügigen Kreuzberger Atelier öffnet uns eine Frau, die sich als ätherische Erscheinung beschreiben lässt: hochgewachsen, mit großen Augen und schmaler Nase, ganz in Schwarz gekleidet, das dunkelblonde Haar zu einem festen Kordelzopf gebunden. Mit langen Schritten führt sie uns durch karge Altbauräume; in einem stehen der große Zuschneidetisch und Nähmaschinen, in einem anderen eine Art Konferenztisch, zwei Stühle, ein Sofa. An den Wänden hängen Zeichnungen und Stoffproben, in einer Ecke steht eine Kleiderstange mit den Entwürfen vergangener Kollektionen.
Sia Arnika: Die größte Leidenschaft gilt dem Material
Während des Gesprächs steht Sia Arnika immer wieder auf, läuft zu den Skizzen und Kleidern hinüber, deutet auf düster dreinschauende Figurinen, zeichnet mit den Fingern Silhouetten nach, nimmt Stoff in ihre Hände: Vom Objekt will sie am liebsten am Objekt erzählen – sie will zeigen, nicht nur reden.
Denn Sia Arnikas größte Leidenschaft gilt dem Material an sich, das sich eben nicht immer nur sprachlich erklären lässt. "Neben organischer Baumwolle arbeite ich besonders gerne mit Stoffen, die sich ein bisschen so anfühlen, als seien sie gar nicht für Mode gemacht", sagt sie und meint damit robuste, mitunter steife Techmaterialien, die an PVC oder Neopren erinnern. "Experimental Normality" nennt sie das – erhebt sie doch schnöde Alltagsmaterialien durch handwerkliche Raffinesse zur wahren Modekunst.
Mittels Lasercut zum Beispiel schneidet Sia Arnika in einen leichten, recycelten Polyester in kleinsten Abständen rundliche Ecken hinein, die dann wie zarte Federn um den Körper flattern, oder sie versieht ein blutrotes Kunststoffmaterial mit langen, schmalen Spitzen, die an stilisierte Flammenzungen erinnern. "Was entsteht, soll durchaus tragbar sein, aber dennoch den experimentellen Moment sichtbar erhalten", erklärt die Designerin.

Die Mode der Designerin ist mit ihrer Heimat verwoben
Das aber ist nur das Handwerk, nur die Technik, die Sia Arnika während ihres Studiums an der Berliner Dependance der französischen Modeschule ESMOD erlernt hatte. Davor studierte sie Modedesign in Kopenhagen, allerdings empfand sie die dänische Hauptstadt als zu begrenzt. Denn ihre Kollektionen leben vom Inhalt, von der Inspiration. Und diese führt Sia Arnika – fast könnte man von einem Treppenwitz ihrer persönlichen Geschichte sprechen – ausgerechnet zurück nach Mors. "Irgendwie", sagt sie und legt die Stirn in weiche Denkerinnenfalten, "lande ich über meine Arbeit doch immer wieder auf der Insel."
Es sind Geschichten ihrer Kindheit, die Sia Arnikas Kollektionen häufig prägen, auch wenn sie das früher Erlebte stets in einen jetzigen Kontext setzt: Für den kommenden Sommer etwa zeigte sie auf der Berlin Fashion Week dekonstruierte Poloshirts und Jogginghosen, außerdem Jerseyroben, die aussehen wie elegante Trikots für lange Nächte. Sie sind Sia Arnikas kindlicher Faszination für den Fußball entlehnt, den vielen Stunden auf dänischen Spielfeldern, und lassen zugleich Assoziationen zur dynamischen Clubkultur der Berliner Gegenwart zu.
Für den darauffolgenden Herbst zeigte Sia Arnika Ende Januar dann Netzstrümpfe mit frei gelegten Kniepartien, dunkelgraue Bodysuits, die an Taucheranzüge erinnern, außerdem eine neue Schuhlinie, den klassischen dänischen Arbeitsclogs entlehnt, mit einer schnabelrunden Kuppe und hohen Hakenabsätzen. Die Kollektion solle die Geschichte einer Fabrikarbeiterin auf Mors erzählen, hieß es dazu, sie handele von Erinnerung und Faszination; von kalter Nässe.
Sina Arnika machte ihr Debüt auf der Copenhagen Fashion Week
Ähnlich war ihre allererste Kollektion, die Sia Arnika Ende 2020 zunächst auf der Copenhagen Fashion Week vorgestellt hatte: Sie war von Unterwasserwelten inspiriert. "Zum einen, weil die Fischereiindustrie auf der Insel meiner Kindheit eben so stark ausgeprägt ist, und zum anderen, weil mich die Idee einer Oberfläche fasziniert, durch die man hindurchbrechen muss, um darunter eine ganz andere, eigene Realität zu entdecken." Strickensembles zum Beispiel, die in ihrer Machart beinahe scharfkantig und spitz wie Korallen wirken, sollten dem Leben in der Tiefe entsprechen.
Doch oft erzählt Sia Arnika mit ihrer Mode viel weniger konkret, weniger bildhaft aus ihrem Leben. Wenn sie Kollektionen entwirft, die durch die nordische Mythologie inspiriert sind zum Beispiel – "weniger durch ganz bestimmte Sagen allerdings, sondern eher durch das Glaubenssystem der Mythologie an sich". Sie fasziniere die Vorstellung, dass Geschichten über viele Jahrhunderte und Generationen hinweg weitergegeben würden "und mit der Zeit niemand mehr so richtig weiß, was der Ursprung war, was real ist und was nicht". Es sei diese Faszination für das Unerklärliche, das Unbekannte, "eher der düstere Vibe als die konkrete Story", die sich in ihren Kollektionen ausdrückten.
Ihr Modedesign: Intuitiv nicht spirituell
Auch diese Denkrichtung dürfte mit Sia Arnikas Kindheit auf Mors zusammenhängen: Ihr Elternhaus beschreibt die Designerin als spirituell, bestimmt von einem holistischen Verständnis, mit Kristallen in allen Ecken und Klangschalen auf den Regalen. "Ein gewisser Respekt allem und jedem gegenüber, das Bewusstsein dafür, dass alles, was wir tun, direkte Auswirkungen auf unsere Umwelt hat" – das seien wichtige Aspekte ihrer Erziehung gewesen, von denen sie noch heute zehre.
Ihre Arbeit würde Sia Arnika trotzdem nicht als spirituell, sondern eher als intuitiv beschreiben, "auch wenn Intuition natürlich ebenso etwas Geistiges, also Spirituelles ist". Und übrigens auch etwas, das Sia Arnikas Eltern ihr gewissermaßen schon im Namen mitgegeben haben: "Mein erster Vorname Sia entspricht dem ägyptischen Gott der Intuition", sagt sie milde lächelnd, und der zweite Vorname Arnika leite sich von der bekannten Heilpflanze ab, deren Blüten schon antike Schriftstellerinnen und Schriftsteller eine heilende Wirkung zugeschrieben haben.
In Berlin jedenfalls kommen Sia Arnikas ganzheitliche Ansätze, die Kreise, die sie nicht zuletzt durch mystische Inszenierungen und dystopisch anmutende Modenschauen schließt, überaus gut an: Neben anderen jungen Marken wie Namilia, Haderlump oder SF1OG gilt ihr Label als ein heller Hoffnungsschimmer für die Berliner Modebranche, die in den vergangenen Jahren eben nicht nur hohe Gipfel erklommen, sondern mindestens genauso viele tiefe Täler durchlaufen hatte. "Aber die Berlin Fashion Week hat sich in den vergangenen Saisons bekanntermaßen wahnsinnig gut entwickelt, und ich bin sehr stolz, einen Beitrag dazu geleistet zu haben", sagt Sia Arnika.
Stars wie Charli xcx und Kylie Jenner sind bekennende Fans von Sia Arnika
Doch längst ist die Designerin auch weit über die Grenzen der Stadt und des Landes hinaus bekannt: Bei einer treuen Kundschaft sowieso, die Sia Arnikas Entwürfe etwa über einschlägige Onlineshops wie Apoc ordert. Außerdem waren zuletzt die Stylistinnen und Stylisten einiger prägender Künstlerinnen und Musikerinnen unserer Zeit aufmerksam geworden. FKA Twigs wurde auf der Met Gala im Mai des vergangenen Jahres mit einer Tasche von Sia Arnika gesichtet; Charli xcx hat ihren "Brat Summer" mitunter auch in Kleidern der Berliner Designerin gefeiert. Jüngst trug ‚Water‘-Star Tyla eines ihrer Polokleider mit der Aufschrift 'The people want more' während ihrer Moderation der Nickelodeon Kids' Choice Awards 2025 – wie passend.
Ihre bekanntesten Fans dürften Julia Fox und Kylie Jenner sein – für das Modelabel Khy der Letzteren hat Sia Arnika sogar eine Linie entworfen, die Ende November erschienen ist. Immer wieder lädt Jenner herausragende Designtalente ein, Mode für ihre Marke zu machen, die dann als Sonderkollektionen verkauft werden. Sia Arnika hatte eine Holiday Collection entworfen – festliche Ensembles für die jahresschließende Saison also – und den glanzvollen Anlässen mit einem Mehr aus Pailletten Rechnung getragen. Fließende Abendkleider mit seitlichen Drapierungen und kurze Partykleider mit transparenten Details, lange Hosen, kurze Hosen, faltenreiche Miniröcke und Midikleider mit Cutouts, in Schwarz, Champagner und Limette, allesamt besetzt mit unzähligen Pailletten – die Kollektion war zügig ausverkauft. Kylie Jenner selbst teilte immer wieder Bilder von sich in den Entwürfen, Sia Arnika wiederum teilte diese Fotos, die beiden Frauen schickten sich Herzen hin und her.
Die Signale, die Sia Arnika aussendet, ihre ganz eigene Ästhetik, der düstere Stil – sie kommen an. Was unweigerlich zurückführt zum Gedankenspiel: Was also mag mit all den Briefen passiert sein, der Flaschenpost, die auf der Suche nach Antworten von der anderen Seite einst in den Limfjord geworfen wurden? Die Designerin zuckt bloß mit den Schultern. "Geantwortet hat jedenfalls niemand", sagt Sia Arnika, begleitet von einem sonoren Lachen. Die Welt auf der anderen Seite hat sie ganz allein entdeckt.
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