Chen Emilie Yan spielt im Politthriller "Staatsschutz" ihre erste Kinohauptrolle. Mit VOGUE spricht sie über Justiz und Rechtsextremismus in Deutschland.
Die Deutschkoreanerin Seyo Kim ist das, was manche als "Vorzeigemigrantin" bezeichnen würden. Die junge Staatsanwältin verhält sich regelkonform, zeigt sich unparteiisch, isst abends Instantnudeln in ihrer spärlich eingerichteten Wohnung an einem eher trostlosen Fleckchen im Osten Deutschlands und widmet ihr Leben ihrer Karriere. Doch nach einem rassistisch motivierten und fast tödlichen Brandanschlag auf sie wird sie nicht nur selbst zur Klägerin, sondern auch auf eigene Faust zur Ermittlerin. An ihrem Arbeitsplatz stößt sie dabei auf ein System aus Verharmlosung und Vetternwirtschaft und entdeckt – beim unerlaubten Graben in alten Fällen – ein größeres rechtsextremes Netzwerk, das vorher verschleiert wurde.
Rechte Tendenzen machen auch vor dem Justizsystem keinen Halt. Der Film “Staatsschutz” führt vor Augen, wie gefährlich das ist
"Staatsschutz", der neue Film des Regisseurs Faraz Shariat, der bei der vergangenen Berlinale Premiere feierte und dort unter anderem mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, ist ein bewegender, relevanter Politthriller. Er hinterfragt unser Justizsystem, unterstreicht die Gefahren einer erstarkenden Rechten und ermutigt die Zuschauenden, kritisch zu bleiben. Seine Hauptfigur Seyo Kim wird beeindruckend gespielt von der in Shanghai geborenen und in Düsseldorf aufgewachsenen Chen Emilie Yan. Für die 26-Jährige, die aktuell am Stadttheater Ingolstadt engagiert ist, ist es ihr erster Kinofilm – und sicher nicht der letzte.

Hauptdarstellerin Chen Emilie Yan im VOGUE-Interview zu “Staatsschutz”:
VOGUE: Sie haben während der Abiturzeit mit der Schauspielerei angefangen. Wie kam es dazu?
Chen Emilie Yan: So lange, wie ich denken kann, habe ich mich zum Schauspielen hingezogen gefühlt. Gleichzeitig hatte ich keinen Zugang zu dieser Welt. Meine Eltern sind Ingenieur:innen; Theater spielte in meinem Alltag keine Rolle. Das erste Mal, dass ich mich schauspielerisch ausprobieren konnte, war im Literaturkurs in der Oberstufe. Eine besondere Lehrerin hat mich darin bestärkt und mir den nötigen Mut gegeben, Theater wirklich auszuprobieren. An der Bürgerbühne des Düsseldorfer Schauspielhauses stand ich dann zum ersten Mal auf einer richtigen Bühne. Dort habe ich nicht nur meine Leidenschaft, sondern auch einen Freundeskreis gefunden, der mich bis heute begleitet, und ein Stück weit auch mich selbst.
Vor dem Schauspielstudium haben Sie jedoch zunächst noch Psychologie studiert …
Ich hatte mich für das Psychologie-Studium entschieden, weil ich mich für Menschen und die Psyche interessiere, vor allem aber auch klischeehaft, um mich selbst besser kennenzulernen. Als ich jünger war, wollte ich immer "deutsch" sein und meine deutsche Seite stärken. Mit Distanz kann ich erkennen, dass meine Persönlichkeitsentwicklung durch eine schwierige Schulzeit eingeschränkt wurde. Als Kind habe ich vieles ausgehalten: Rassismus, Sexismus, Grenzüberschreitung durch Erwachsene, die Verantwortung hätten übernehmen müssen. Damals war ich sprachlos. Heute würde ich gern ein paar Lehrer:innen zur Rechenschaft ziehen. Ich würde gern dem schüchternen kleinen Mädchen die Stimme geben, die es nicht hatte, und ihm versichern, dass es irgendwann an seinen erträumten Orten ankommen wird. Meine größte Entwicklung besteht darin, dass ich Menschen die Deutungshoheit über mich genommen habe. Früher konnten andere definieren, wer ich bin. Heute kann ich das selbst.
"Staatsschutz" ist Ihr erster Film. Was hat Sie überzeugt, am Casting teilzunehmen?
Noch während meines Schauspielstudiums in Graz wurde ich zum E-Casting eingeladen, und als ich das Drehbuch bekam, habe ich es aufgesogen. Ich habe direkt gemerkt, wie intensiv die Autorinnen Claudia Schaefer, Jee-Un Kim und Sun-Ju Choi recherchiert hatten, um den Stoff nicht didaktisch, sondern menschlich und nahbar zu behandeln. Mir wurde bewusst, wie relevant und wichtig es ist, dass diese Geschichte erzählt wird. Einerseits, weil es eine gesellschaftliche Auseinandersetzung im Hier und Jetzt ist, wo rechtsextreme Ideologien und Verbrechen keine Randphänomene mehr sind. Andererseits, weil ich noch nie eine so starke asiatische Heldin im deutschen Film gelesen habe. Ich habe mich gefreut, dass so ein Drehbuch überhaupt existiert.
Chen Emilie Yan über ihre Figur in “Staatsschutz”: “Ich habe noch nie eine so starke asiatische Heldin im deutschen Film gelesen”
Wie haben Sie sich auf die Rolle der Staatsanwältin Seyo Kim vorbereitet?
Ich habe in der Vorbereitung an öffentlichen Sitzungen von Strafprozessen am Landgericht Ingolstadt teilgenommen und Gespräche mit verschiedenen Jurist:innen geführt, besonders das mit der Berliner Strafverteidigerin Franziska Nedelmann (bekannt für ihr politisches Engagement und Anwältin im Neukölln-Komplex; Anm. d. Red.) hat mich sehr berührt. Ich habe außerdem die Strafprozessordnung gelernt, einen Führerschein gemacht und Koreanisch gelernt.
Gab es Szenen, die Sie basierend auf eigenen Erfahrungen mitgeprägt haben?
Am Anfang wird in einer Szene aus dem Publikum im Gerichtssaal "Ching Chong" gerufen, also eine anti-asiatische Beleidigung. Das hat mich auch persönlich sehr berührt, mein Herz ist kurz stehen geblieben. Plötzlich ist da eine Mischung aus Wut und Frust. Das war eine Situation, in der ich mich zwischen Spiel und Realität befand. Auch die Dynamik mit Seyos Vater, das Zwischen-zwei-Kulturen-Aufwachsen und die Frage, wie ich mich selbst identifiziere, waren Aspekte, in denen Seyo und ich uns nicht unähnlich sind.
Wie würden Sie Seyo Kim beschreiben?
Seyo ist eine Frau, die Kontrolle zu ihrem Beruf gemacht hat und dabei versucht, zwischen Pflicht und Menschlichkeit zu vermitteln. Viele Entscheidungen, die sie trifft, sind für mich weder eindeutig richtig noch falsch. Dabei bewundere ich ihre Verbissenheit und ihren Mut. Sie steht kompromisslos für das ein, woran sie glaubt. Ich wäre gern mit ihr befreundet.
Inwiefern hat die Arbeit an "Staatsschutz" Ihren Blick auf das Justizsystem verändert?
Ich habe durch die Arbeit am Film nicht meinen Glauben an den Rechtsstaat verloren, im Gegenteil: Weil ich an den Rechtsstaat glaube, muss dieser kritisiert und auf Missstände aufmerksam gemacht werden dürfen. Mich hat die Arbeit am Film besonders für die Frage sensibilisiert: Warum sollte die rechtsextreme Radikalisierung, die wir gerade erleben und auch zum Beispiel in der Polizei diskutieren, vor der Justiz haltmachen? Das tut sie nicht. Es gab vor ein paar Jahren einen Fall, in dem der Befangenheitsantrag eines Asylbewerbers gegen einen Gießener Verwaltungsrichter, der zuvor eine vielerorts als volksverhetzend beurteilte NPD-Parole vor Gericht verteidigt hatte, zunächst abgewiesen wurde (die Entscheidung wurde später vom Bundesverfassungsgericht revidiert; Anm. d. Red.). Der Film öffnet meiner Meinung nach den Raum, um über unsere gesellschaftliche Realität zu reden und darüber, wo unsere Institutionen widerstandsfähiger werden müssen.
Was hoffen Sie, nehmen Zuschauer:innen aus dem Film mit?
In Zeiten politischer Polarisierung und ständiger Vereinfachung ist ein genaues Hinsehen von besonderer Bedeutung – und dieses bedarf Mühe und Standhaftigkeit. Es ist sehr unüblich geworden, sich mit Komplexität auseinanderzusetzen und darauf einzulassen. Nicht jede Form des Engagements muss eine große Geste sein. Kleine oder stille Kämpfe sind ebenso politisch. Der Film würdigt die Beharrlichkeit, aufmerksam und standhaft zu bleiben, auch wenn es einfacher wäre, Ungerechtigkeiten zu ignorieren oder die Augen zu verschließen.
"Staatsschutz" startet am Donnerstag, 27.8., deutschlandweit in den Kinos.
Dieser Text ist Teil der VOGUE-Ausgabe für September 2026. Sie ist seit Samstag, dem 22. August, im Handel erhältlich. Hier können Sie sie jetzt bestellen!


